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Das Projektbüro Südniedersachsen: Hier werden die Ideen für das Südniedersachsenprogramm vorangebracht.

Landesbeauftragter Matthias Wunderling-Weilbier und die Leiterin des Projektbüros, Dr. Ulrike Witt im Gespräch über überraschende regionale Entwicklungen, warum es nicht immer so schnell geht und die Nachhaltigkeit der Ideen.

Göttingen, September 2016

Gespräch: Sven Grünewald


Was hat das Südniedersachsenprogramm in der Region an Veränderungen angestoßen?

Wunderling-Weilbier: Ein ganz entscheidender Punkt ist, dass alle regionalen Akteure beispielsweise aus der kommunalen Familie, der Wirtschaft, der Wissenschaft den Wohlfahrtsverbänden relativ schnell Hand in Hand gearbeitet haben. Ich muss in aller Offenheit sagen, dass ich nicht erwartet habe, dass sich diese Kooperation so schnell entwickelt. Die Region arbeitet sehr gut zusammen.

Witt: Mir ist die große Bereitschaft aufgefallen, sich regional zu engagieren. Die Vertreter im Wirtschafts- und im Fachbeirat möchten sogar noch viel konkreter in die Arbeit einbezogen werden, als ursprünglich gedacht.


In Niedersachsen gilt das Emsland als das Musterbeispiel für gemeinsames Handeln aller Akteure, für Südniedersachsen galt lange Zeit genau das Gegenteil. Wo stehen wir heute?

Wunderling-Weilbier: Der Bereich Weser-Ems gehörte nach dem 2. Weltkrieg zum Armenhaus dieser Nation. Mit dem Emslandplan hat man es damals geschafft, eine starke Kooperation der Verantwortungsträger auf der Grundlage eines Masterplanes zu entwickeln. Entwicklungspotenziale wurden erarbeitet und umgesetzt. Allerdings standen dafür auch Milliarden zur Verfügung. Das ist hier anders und dennoch können wir uns allein durch die Anzahl der Projekte inzwischen auch mit anderen Landesteilen messen. Wir treten in Niedersachsen gerade den Beweis an, dass, wenn man die entsprechenden Strukturen schafft, Projekte möglich werden, die in der Vergangenheit gar nicht möglich erschienen. In den Landesämtern werden alle Aufgaben der Regionalentwicklung ressortübergreifend und interdisziplinär wahrgenommen. Ein Beispiel dafür ist der Gesundheitscampus. Hier arbeiten die Universitätsmedizin Göttingen, die HAWK, Stadt und Landkreis Göttingen mit dem Land gut zusammen.

Witt: Kooperationsbeziehungen müssen auch Bewährungsproben aushalten. Was passiert, wenn Projekte einmal nicht so gut laufen oder wenn etwas schiefgeht? Dann ist zu hoffen, dass die gute Zusammenarbeit weiterhin funktioniert.


Gibt es auch bundes- beziehungsweise landesweit Aufmerksamkeit für das Programm?

Wunderling-Weilbier: Eindeutig ja. Allein schon im Amtsbezirk Braunschweig wird mit großer Aufmerksamkeit nach Südniedersachsen geschaut. Ein Beispiel aus dem Bereich Technologietransfer. Der Südniedersachsen InnovationsCampus (SNIC) war eine Initialzündung dafür, dass jetzt die TU Braunschweig, die TU Clausthal, die Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und die Ostfalia Hochschule Gespräche mit uns führen, um den Campusgedanken auch für das Braunschweiger Land zu entwickeln.



Eines der erklärten Ziele des Südniedersachsenprogramms ist Schnelligkeit. Wie eng läuft daher die Zusammenarbeit mit den Ministerien?

Wunderling-Weilbier: In der Staatskanzlei gibt es eine Staatssekretärsrunde, dort finden regelmäßig Besprechungen zum Programm statt. Alle Ressorts haben sich verpflichtet, dass Südniedersachsen schnell vorankommt und wir über alle relevanten Themen und Entwicklungen informiert werden. Das geht bis hin zu den jeweiligen Arbeitsebenen, mit denen wir im regelmäßigen und sehr guten Austausch stehen. Nur so können Projekte schnell bewilligt und umgesetzt werden. Gerade wurden die Förderbescheide für den SNIC übergeben, demnächst werden wir uns mit der Eröffnung des Gesundheitscampus auseinandersetzen. Einen neuen universitären Zweig zu gründen, das macht man nicht mal so nebenbei. Das schaffen Sie nur, wenn tatsächlich alle an einem Strang ziehen.

Witt: Und mit dem Projektbüro haben wir die einmalige Chance, dass sich die Kollegen hier voll und ganz auf die Aufgabe konzentrieren können, Projekte zu identifizieren, die notwendigen Gespräche zu führen sowie die Schritte einzuleiten, damit es vorangeht. Das Landesamt hat noch viele andere Aufgaben wahrzunehmen, während unsere Arbeit allein auf das Südniedersachsenprogramm ausgerichtet ist.


Dennoch scheint es für Außenstehende sehr lange zu dauern, bis es grünes Licht für die Umsetzung einer Projektidee gibt. Woran liegt das?

Witt: Das bringen auch die Vertreter aus der Wirtschaft vor. Im Südniedersachsenprogramm haben wir es eben nicht mit Einzelprojekten zu tun, die man schnell beantragen und bewilligen kann. Wir reden stattdessen über komplexe Schnittmengenprojekte. Wenn Sie sich ein Projekt wie Ecobus angucken, dann haben wir mindestens drei Finanzierungsquellen - EU, Wirtschafts- und Wissenschaftsministerium, vielleicht kommen auch noch private Mittel hinzu. Grundsätzlich geht es aber auch um öffentliche Mittel. Da bestehen hohe Erwartungen an Transparenz, objektive Verfahren und verantwortungsvolle Verwendung.

Wunderling-Weilbier: Manchmal könnte man es sich etwas leichter wünschen. Aber wenn ein gutes Miteinander, eine gute Kooperation sowie eine maximale Transparenz auch Ziel unseres Handelns sein soll, dann geht es nicht anders. Die Erfolgsbilanz zeigt es: Wir sind auf dem richtigen Weg.


Wie viele Projektideen sind schon auf den Weg gebracht?

Witt: Aktuell sind 21 Projekte beantragt, von diesen sind zwölf inzwischen bewilligt. Die Projekte haben ein Volumen von 74 Mio. Mio. Euro. Bei Beantragungen und Bewilligungen ist jedoch viel im Fluss. Wir haben das Ziel, bis Ende des Jahres 29 Projekte in die Antragsstellung zu bringen. Im Oktober machen wir die Planung für 2017.

Wunderling-Weilbier: Insgesamt sind bei uns bislang rund 140 Projektideen eingegangen, davon halten wir 60 für regional bedeutsam. Wir gehen sicher davon aus, dass wir in den nächsten Jahren weiterhin viel Innovationskraft entwickeln. Denken Sie einmal an den komplexen Bereich Digitalisierung. Deren Potenziale können insbesondere für die Entwicklung der ländlichen Räume Prozesse auslösen. Hier ergeben sich mit größter Sicherheit noch vielfältige Entwicklungsansätze.

 

Wo kommen die Projekte her?

Witt: Das kommt ganz auf die Handlungsfelder an. Beim Breitband sind es die Landkreise, im Bereich Innovation sind es insbesondere die Hochschulen, die ihre Ideen einbringen. Bei der Mobilität ist es ein Max-Planck-Institut sowie die Verkehrsbetriebe. Aber auch mit Wohlfahrtsverbänden oder Sportvereinen haben wir schon Projekte entwickelt. Es ist eine bunte Mischung. Inzwischen ist das Projektbüro recht bekannt und wir erhalten viele Skizzen. Wir schauen sie uns an und bei denen, die nicht für das Südniedersachsenprogramm geeignet sind, recherchieren wir, ob es andere Fördermittel gibt.

Wunderling-Weilbier: Es ist ein Erfolg, dass wir in allen sechs Handlungsfeldern Projekte haben. Es hätte auch sein können, dass wir bei der Wahl der Handlungsfelder daneben liegen, aber das ist deutlich nicht der Fall.


Irgendwann läuft die Förderung für Projekte aus - was dann?

Wunderling-Weilbier: Das ist eine ganz entscheidende Frage. Zum einen gibt es in der neuen EU-Förderperiode weniger Geld und dann muss das Land noch die Schuldenbremse berücksichtigen. Daher bringt es nichts, Projekte auf den Weg zu bringen, die keine Nachhaltigkeit haben. Alle Projekte sind so ausgelegt, betrachten Sie den Gesundheitscampus oder den SNIC, dass sie über Jahre ihre Wirkung entfalten können

Witt: Einrichtungen wie der Gesundheitscampus werden in die Finanzierung der Hochschulen aufgenommen, die Laufzeit ist nicht begrenzt. Anders ist es etwa mit einem Caritas-Projekt zur Daseinsvorsorge auf dem Dorf. Damit soll ein neues Modell für den Bundesfreiwilligendienst und das freiwillige soziale Jahr entwickelt werden. Wenn das funktioniert, soll das Modell von der Caritas weitergeführt werden.


Haben Sie ein persönliches Lieblingsprojekt?

Witt: Meines ist Ecobus. Ich hätte nicht gedacht, dass der Bereich öffentliche Mobilität so schwierig ist, und ich finde, EcoBus ist ein sehr innovatives Projekt. Wenn wir das hinkriegen, kann sich etwas verändern.

Wunderling-Weilbier: Der SNIC, weil es einfach grandios ist, wie sich alle Beteiligten in kürzester Zeit auf das Projekt verständigt haben und ihre jeweiligen Kompetenzen einbringen.


Geben Sie noch einen kleinen Ausblick: Wo steht Südniedersachsen in fünf Jahren?

Wunderling-Weilbier: Ich bin fest davon überzeugt, dass die Innovationskraft beispielhaft sein wird und die Region ein hervorragender Lebensort ist.

Witt: Mein Wunsch ist, dass sich weiter die Erkenntnis durchsetzt: Kooperation zahlt sich aus. Eine Region, die lernen und kooperieren kann, hat Chancen und kann auch mit neuen Herausforderungen umgehen.

 
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